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![]() © Pedro Dommenig © Michael Glawogger PRESSETEXT DOWNLOAD: pressetext Contact High.pdf PRESSETEXT: CONTACT HIGH, oder: Gesichtswurst schlagen im Dreivierteltakt Sven Regener Hätte ich wenigstens ungarische, oder sagen wir: tschechische Vorfahren, wenn nicht gar roots, wäre mein Polnisch nur nicht so schlimm eingerostet, könnte ich immerhin die vier wesentlichen Mehlspeisen ohne Nachdenken auswendig hersagen, wäre mir einzig aber dann doch zumindest der Umrechnungskurs von Schilling zu Mark noch geläufig, hätte ich auch nur einmal im Leben St. Pölten, den alten Landeshauptstadtspaßvogel, von innen gesehen, benützte ich wenigstens ohne Zögern das E-Wort für des Deutschen Lieblingsspeise – ich täte mich leichter damit, mich für eine 1a-Einschleimungslobeshymne zugunsten von Contact High, dem größten (und polnischsten) österreichischen Drogenfilm seit "Schicksalsjahre einer Kaiserin" herzuschenken. So ist das natürlich heikel, als Deutscher ist man seit dem Anschlussverbot da vorsichtig geworden, gerade beim Lobhudeln, wie leicht tritt man dabei in irgendwelche psychoaktiven Pilze, und dann sind die kaputt, und der Apfelkren ist hin. Aber sei's drum, hier sei's gewagt: Michael Ostrowski ist der Karlheinz Böhm unserer heutigen, schweren Zeit, er heilt die Wunden unserer Seelen durch bloßes schauspielerisches Handauflegen wie sein großes Vorbild die Leprakranken in Westafrika oder wo auch immer, übertroffen in der komödiantischen Schlagkraft nur noch fast aber eben nur fast durch Raimund Wallisch, der, Titan im Wurstdreikampf (Burenwurst, Käsekrainer, Rohpolnische), der er von Haus aus nun einmal ist, seine Schauspielerkollegen so dermaßen zu Höchstleistungen anspornt, dass nur der sissibeschämende Liebreiz der Pia Hierzegger, das weizenblonde Ausnahmetalent des Georg Friedrich, die geheimnisvolle Verführungskraft der Hilde Dahlik sowie die spirituelle Megapräsenz des österreichischen Schauspielerurgesteins Detlev Buck daneben eine Chance haben konnten, natürlich befeuert durch die ganz neue Maßstäbe in Menschenführung, Dramaturgie und Touristik setzenden Regiehandlungen von Michael Glawogger, dem Fürst Metternich des modernen österreichischen Tonfilms. Die Musik ist toll und psychedelisch. Oder umgekehrt. Gerade so wie der Film. Denn wie sagte Richard Pappik: „Hätte ich nicht gedacht, dass man so einen Film heute noch machen darf!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. CONTACT HIGH Christian Rätsch Das Wort Contact High, das auf Deutsch so unerotisch »Kontakt-Hoch« hieße, habe ich zum ersten Mal in Kalifornien gehört. Obwohl ich es nicht gekannt habe, konnte ich es doch gleich verstehen. Der Begriff contact high ist seit den 1960er Jahren belegt (LANDY 1971: 56). Er wurde im Underground und in der Hippie Szene geprägt. Man wird, ganz ohne Drogenkonsum selbst high, wenn man einer Person begegnet, die eine psychedelische Droge genommen hat und high ist. Das High infiziert... Im Hippie Dictionary wird die Bedeutung des Wortes Contact High genau beschrieben: »getting high without using drugs merely by being in contact with someone who is under the influence of drugs. It is a phenomenon that can actually be experienced if one is sensitive to the feeling of others. It helps if one is familiar with the actual experience of being stoned on drugs.« (MCCLEARY 2004: 112) (Obwohl ich Anglismen nicht mag und wann immer vermeide, habe ich contact high als Fremdwort übernommen. Auch das Rechtschreibprogramm meines Computers kennt das Wort High als gültiges Fremdwort im Deutschen.) Wie aber läßt sich das in manchen Kreisen häufig auftretende Phänomen erklären? Geschieht der Kontakt telepathisch? Psychologisch? Was geschieht in den Neuronen? Das High-Sein ist ein außergewöhnlicher Wachbewußtseinszustand. Er wird durch alle möglichen psychoaktiven Drogen ausgelöst. Er kann aber anscheinend auch ohne den Gebrauch von Drogen auftreten. Das bedeutet, daß dieser Zustand des Geistes oder des Bewußtseins als latente Erfahrungsmöglichkeit, als eine Art neuronale Matrix im Nervensystem des Menschen genetisch angelegt ist. Der Zustand des Highs muß also lediglich ausgelöst werden. Und das kann pharmakologisch oder auch nonpharmakologisch geschehen. Es braucht also einen Katalysator. Und der kann eine Chemikalie sein oder ein äußerer Reiz. Uns allen ist es geläufig, daß Stimmungen anderer Menschen »ansteckend« wirken. Daß man sich mitreißen läßt. Daß man mitgenommen wird. Das High kann ansteckend sein. Das Phänomen des contact Highs ist soweit verbreitet und vielfach anekdotisch beschrieben worden, daß man davon ausgehen kann, daß an der Sache etwas dran sein muß. Leider gibt es bisher keine systematischen wissenschaftlichen Untersuchungen, die dies bestätigen würden. Auch Psychotherapeuten und Psychiater, die mit psychoaktiven Drogen an Patienten therapeutisch arbeiten, kennen das Phänomen des Contact Highs; denn sie haben es oft erlebt. So kommt es vor, daß man als Therapeut in den LSD-Trip seines Patienten »hereingezogen« wird. Das Phänomen contact high wird vor allem beim Konsum psychedelischer Substanzen (THC, LSD, Zauberpilze, Meskalin) sowie empathogener Stoffe (MDMA, 2-CB und andere Phenethylamine) beobachtet. Bei Kokain, Speed oder Heroin scheint es das nicht zu geben. Und schon gar nicht beim Alkohol. Das Wiedererkennen des Highs mag dazu führen, daß man sich an eigene diesbezügliche Erfahrungen erinnert, und daß sie so stark ins Bewußtsein treten, daß man meint selbst high zu sein. Das contact high hat auf jedenfall etwas mit Erkennen und Wiedererkennen, also mit dem eigenen kognitiven System, etwas zu tun. Was man kennt, erkennt man auch wieder. Nur dadurch hat etwas Bedeutung. Ein bestimmter Geruch oder eine bestimmte Musik, die man auf Trip wahrgenommen hat, kann im »nüchtern« Zustand wiedererkannt werden, den Trip in Erinnerung rufen und ihn nochmals – in abgeschwächter Form – erleben. Wenn man bestimmte Räucherstäbchen während eines Highs entzündet hat, wird der Zustand olfaktorisch in der Erinnerung gespeichert. Dieser Geruch wird mit dem Erlebten verbunden. Wenn man den gleichen Geruch wieder wahrnimmt, steigen die mit ihm kognitiv verbundenen Gefühle auf. Der Geruch wird zu einem Zeichen für das High-Sein Es wurde olfaktorisch konditioniert. Das Contact High ist ein eindrückliches und aufregendes Erlebnis. Es kommt in der Regel überraschend und unerwartet. Die Personen, die Contact Highs erlebt haben oder erleben, müssen nicht notwendigerweise jedesmal, wenn sie auf einen Bekifften oder Betrippten treffen, selbst stoned werden(Nach dem Motto »Ich bin stoned und du kriegst die Munchies!«). Es bleibt ungewiß, ob man willentlich ein Contact High bekommen kann. Manche Menschen scheinen ein Art Begabung haben, die es ihnen ermöglicht leicht in ein contact high zu kommen. Denn bei manchen passiert es öfter, bei einigen kaum, sehr selten oder nie. Der Begriff vom »erlernten Rausch«, den die Ethnologin Andrea Blätter geprägt und in die wissenschaftliche Literatur eingebracht hat, kann ebenfalls mit dem Phänomen des contact highs in Zusammenhang gebracht werden. Demnach wird ein Erlebnis mit einem Rauschmittel durch das kulturelle Umfeld sowie das damit zusammenhängende kognitive System geprägt. Das ist ein Rauschmodell, das dem wieder erlebten Rausch zugrunde gelegt wird. So können verschiedene Kulturen für die Erfahrung des Rausches, ausgelöst von derselben Droge, ein völlig anderes Rauschmodell haben. So kann es sein, daß sich das contact high von dem erlernten Rausch auslösen läßt. So ist es möglich, daß sich zwischen zwei Personen das contact high einstellt, weil sie beide einem gemeinsamen Rauschmodell folgen. Das Phänomen contact high wird zwar zunehmend in der Fachliteratur diskutiert, wurde bisher jedoch nicht in breiter Öffentlichkeit erörtert. Jetzt gibt es einen Film, der das Phänomen contact high zu einem kineastischen Erlebnis macht. Das contact high wird gleich zu Anfang des Filmes thematisiert. Danach zieht sich das contact high wie ein Leitmotiv durch den ganzen Film. Nur im fulminanten Ende weiß keiner mehr so genau ob er tatsächlich berauscht ist oder »nur« contact high geworden ist. Mich fasziniert an dem Film, wie selbstverständlich mit Drogen umgegangen wird; als sei es das normalste in der Welt. Das ist realistisch. Denn in unserer Gesellschaft wird schon längst so mit Drogen umgegangen, als sei dies das normalste in aller Welt. In einer Kultur, in der die Radrennfahrer gedoped sind, wird an allen Ecken und Ende Dope konsumiert. Kiffen gehört heute zu unserer Kultur dazu, genau wie Pizza oder Hamburger. Der Film zeigt geradezu realistisch, wie in unserer heutigen Welt mit Drogen umgegangen wird. Ebenso sind die psychedelischen Szenen realistisch... Nur, contact highs gibt es in der Wirklichkeit nicht so regelmäßig. Vielleicht kann der Film dazu beitragen, daß das Phänomen contact high einer größeren Menge von Menschen geläufiger wird, und es sich als erlernten Rausch häufiger genießen läßt. Vielleicht kann man den Film auch nur genießen, wenn selber schon einmal ein contact high gehabt hatte oder mal inhaliert hat... Der Film zeigt einen Einblick in die Welt der Drogen und Räusche, der bisher öffentlich nicht zugänglich war. Obwohl der Film manchmal ein wenig an Angst und Schrecken in Las Vegas erinnert, ist er von bürgerlichen Stereotypen und anderen Filmklischees frei. Er ist ganz klar ein Drogenfilm, der aber neue Aspekte und Annäherungen an Drogen er eröffnet. Es bleibt zu hoffen, daß der Film viele Zuschauer contact high macht. www.christian-raetsch.de LITERATUR BLÄTTER, Andrea 1994 »Der erlernte Rausch«, Jahrbuch für Ethnomedizin und Bewußtseinsforschung 2(1993): 119-145, Berlin: VWB. LANDY, Eugene E. 1971 The Underground Dictionary, New York: Simon and Schuster. MCCLEARY, John Bassett 2004 The Hippie Dictionary: A Cultural Encyclopedia of the 1960s and 1970s (Revised and Expanded), Berkeley, Toronto: Ten Speed Press. |